Ich gestehe, ich habe dieses kleine Hobby-Projekt lange nicht mehr angerührt. Mit der Einführung der ORF-TVThek wurde das Club-2-Blog glücklicherweise schlichtweg überflüssig. Trotzdem möchte ich abschließend ein paar Worte über dieses Blog sowie über die Einstellung des Club 2 verlieren.
Ich gehöre einer Generation an, die den alten Club 2 eigentlich nur vom Hörensagen kennt. Das ist allerdings bemerkenswert genug: Wieso kenne ich den alten Club 2 dennoch? Wie konnte jemand wie ich genügend Begeisterung für diese Sendung aufbringen, um anlässlich ihrer Wiederkehr sogar ein eigenes Blog zu starten? Ganz einfach: Weil der Club 2 eine unglaublich starke Marke ist. Wahrscheinlich ist der Club 2 sogar einer der stärksten Marken des ORF überhaupt – und das nicht ohne Grund.
Von Anfang an griff der Club 2 Themen auf, die zur jeweiligen Zeit zwar drängend erschienen, die aber bei anderen journalistischen Formaten durch den strengen Raster der Nachrichtenfaktoren fielen. Vor allem aber war der alte Club 2 erstaunlich ergebnisoffen, eine Spielbühne des Seins, nicht zwangsläufig eine des Diskutierens. Genau das verlieh dem alten Club 2 nicht nur seine sagenumwobene Aura, sondern erlaubte auch eine Erkenntnis höherer Ordnung. Denn ein Blick, eine Geste oder ein beiläufig gemurmelter Satz aus einem Mund voller Soletti gewähren manchmal viel tiefere Einblicke in die menschliche Seele als eine sozial erwünschte Antwort auf die Nachfrage eines noch so hartnäckig insistierenden Journalisten.
Symptomatisch für die Ausnahmestellung des Club 2 ist, dass der ORF noch heute davon profitiert. Der Auftritt Werner Faymanns als Chef der SJ Wien bei einem Club 2 Anfang der 80er Jahre ist fixer Bestandteil der politischen Biografie des heutigen Bundeskanzlers, der in kaum einem Portrait fehlt. Ein Club 2 mit Helmut Elsner sorgte sogar beim Bawag-Prozess für Schlagzeilen. Und Nina Hagens legendäre Masturbationsanleitung ist selbst im deutschen Fernsehen nach wie vor ein Evergreen.
Die Sendung Club 2 kann man natürlich abdrehen. Die Marke Club 2 wird hingegen dank des Archivs weiterhin für sich wirken, ganz unabhängig von den Geschmacksvorstellungen des jeweiligen Managements. Es ist wohl nicht vermessen zu behaupten, dass wir auch im „neuen“ Club 2 bereits einige zukünftige Ministerinnen und Minister gesehen haben.
Umso erstaunlicher erscheint die Entscheidung, den Club 2 nun abermals einzustellen. Dass das ausgerechnet zu einer Zeit passiert, in der Talkshows eine Hochkonjunktur erleben und andere Fernsehsender eigens puristische Retroformate kreieren, um die Jugend anzulocken, ist natürlich besonders grotesk. Doch die Absurdität dieser Entscheidung greift tiefer.
Gut etablierte Marken sind in einer Gesellschaft des Überangebots etwas überaus Wertvolles; sie zu einem fixen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses zu machen dauert in der Regel viele Jahre und kostet eine Menge Geld. VW hat den Käfer nicht aus Ermangelung neuer Namen und Formen wiederauferstehen lassen. BMW den Mini Cooper auch nicht. Und Fiat den Fiat 500 auch nicht. Sie taten es, weil der Glamour der alten Marken ihrem Unternehmen nützt. Nicht wenige Weltkonzerne leben sogar ausschließlich von ihrer Marke (und eben nicht, wie viele glauben, von ihrem Produkt).
Wer kann sich heute noch an „Offen gesagt“ erinnern? Und wer könnte den Unterschied zu „Betrifft:“ benennen? Vermutlich nur sehr wenige. Es handelt sich um Vorgängerformate von „Im Zentrum“, laut einer Aussendung von ORF-Unterhaltungsdirektorin Kathrin Zechner eines der „Flaggschiffe“ des ORF. Ich wage zu bezweifeln, dass sich in 20 Jahren noch viele Gebührenzahler an dieses „Flaggschiff“ erinnern können werden.
Doch der Club 2 ist mehr. Der Club 2 ist nicht nur eine ureigenste Kernmarke des Österreichischen Rundfunk, sondern ein Stück österreichische Zeitgeschichte. Das war auch der Grund, weshalb ich einst dieses Blog hier eröffnete. Ein seltsamer Schritt, gewiss, doch ganz alleine scheine ich mit meinem Spleen nicht zu sein. Ein kleiner Vergleich: Der Wikipedia-Eintrag von „Im Zentrum“ hat 295 Wörter. Der des Club 2 1.617 Wörter. Vergleicht man die Anzahl ihrer Versionsgeschichten, ist die Diskrepanz noch einmal um ein Vielfaches größer.
Ich bin mir dessen bewusst, dass Personen Marke „Wikipedia-Autor“ Leute sind, die von Fernsehmachern der höheren Etagen nicht besonders gemocht werden. Solche Menschen sind überdurchschnittlich gebildet, gelten als pingelig und interessieren sich viel zu sehr für Inhalte statt für Waschpulver.
Freilich wird das so offen nie gesagt. Doch wenn Kathrin Zechner auf „Im Zentrum“ verweist, auf das „Bürgerforum“ – einer Sendung, bei der den Diskutanten nach einer Minute Sprechzeit mit einem Signalton das Wort abgeschnitten wird – und auf ein künftiges Talk-Format, das sich aller Voraussicht nach auf Markus-Lanz-Niveau bewegen wird, dann sagt sie damit all jenen, die immer noch mit der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sympathisieren, nichts anderes, als: Geht’s scheißen.
Es sei dahingestellt, ob das für ein Unternehmen, das sich zusehends öfter für seine Existenz rechtfertigen muss, eine kluge Strategie ist – nicht nur wegen der Außenwirkung, sondern auch wegen der Innenwirkung. Wenn Unternehmen Millionenbeträge für einen gemeinnützigen Zweck spenden, tun sie das nicht nur, um in der Öffentlichkeit zu glänzen. Sie tun das auch zur Mitarbeitermotivation. Sie zeigen ihrer Belegschaft damit, dass ihre Arbeit höheren Zwecken dient als der bloßen Kapitalakkumulation.
Die Sendung, für die sich ORF-Mitarbeiter am meisten schämen, ist laut einer internen Umfrage übrigens die „Barbara Karlich Show“, die fünfmal pro Woche ausgestrahlt wird. Das ist eine Sendung mehr als Club 2s in einem ganzen Monat.





