Das waren noch Zeiten - über drei Stunden dauerte der Club 2 vom 13. Juni 1978 zum Thema "1968 - Jahr des Aufstands", der heute Nacht auf 3sat ausgestahlt worden ist. Zu Gast waren die 68er-Ikonen Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, der Axel-Springer-Journalist Matthias Walden sowie der Politikwissenschaftsprofessor Kurt Sontheimer.
Geleitet wurde die Sendung von Günther Nenning, der sich damals noch als echter linker Intellektueller präsentierte, wie sich bereits am Anfang der Diskussion zeigen sollte, als er ein Zitat mit der nonchalanten Einleitung "bitte, es ist aus einer österreichischen Zeitung; ich weiß nicht, ob es korrekt ist" vorzulesen begann. Dass er Jahrzehnte später ausgerechnet bei der Kronen-Zeitung den Kolumnisten geben würde, hätte sich der 70er-Jahre-Nenning wohl nicht einmal in den schlimmsten Albträumen auszudenken vermocht, behaupte ich jetzt einfach mal.
Aus heutiger Sicht erscheint mir dieser Club 2 aber gar nicht unbedingt deswegen so spannend, weil hier die wichtigsten Vertreter der 68er-Generation über das Jahr 1968 debattierten, sondern weil dies in einer Zeit geschah, in der gerade eine neue Partei am Entstehen war, die heute längst in der politischen Mitte angekommen ist: Den Grünen. Irgendwann werden sie fordern können, "ich, Cohn-Bendit, will Innenminister in Hessen sein", mutmaßte Dany le rouge damals optimistisch. Diese Einschätzung wirkt heute umso ironischer, wenn man die derzeitige politische Lage genau 30 Jahre später in genau ebendiesem Bundesland bedenkt.
Wie es die Fragmentierung des Parteiensystems schon andeutet, offenbart der Auftritt der beiden Studentenrevolutionäre jedoch eine Ironie von noch viel prinzipiellerer Natur: Sie waren locker, optisch unangepasst und gleichzeitig intellektuell - und genau dieser Habitus war es, der die Gesellschaft am meisten prägen sollte. Schlips & Nadelstreifanzug sind heute nur noch in knallharten Wirtschaftskreisen usus; in anderen Berufszweigen jedoch werden langaarige Nerds genauso wenig schief angesehen wie gepiercte Scheitelträger oder gemütiche Joggingjackenträger. Soll heißen: Die Befreiung der 68er hat dafür gesorgt, dass jeder ganz bequem seinen eigenen Weg gehen kann, wie er möchte.
"Es hat jeder einzelne Mensch das gute Recht, seine eigenen Werte herauszufinden und zu verwirklichen", dozierte der konservative Journalist Matthias Walden in gewohnt militaristischem Tonfall, woraufhin der marxistisch geprägte Rudi Dutschke bloß noch mit leicht verächtlicher Miene konterte: "Das ist ja reiner Individualismus". Doch paradoxerweise waren es eben Persönlichkeiten wie er, die diesen selbstbewusst öffentlich vorgelebt hatten und damit zum Siegeszug verhalfen, auch wenn eine ganz andere Intention dahintergestanden sein mag. Letztlich wage ich jedoch stark zu bezweifeln, dass ein Reaktionär wie Walden die gesellschaftspolitische Individualisierung der letzten 30 Jahre in dieser Form (Emanzipation, Homo-Ehe etc.) eher begrüßt hätte als Dutschke. Würden sie heute noch leben*, dann würden wohl beide den politischen Sieg für sich zu reklamieren versuchen.
Zum Schluss gab´s also Lob von Rudi für den Club 2. Was er wohl zu einer Entwicklung wie dem Web zu sagen gehabt hätte?
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Links:
'68 ff: Ästhetisch leider ein Desaster (diepresse.com)
Dutschke, Bild und die Gewalt - Zum 40jährigen Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke (www.readers-edition.de)
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*Daniel Cohn-Bendit ist übrigens als einziger der Runde heute noch am Leben
