Zum Thema "Wie krank sind unsere Spitäler wirklich?" diskutierten am 18. März 2009 bei Gasteberin Corinna Milborn

  • der Journalist und Buchautor Kurt Langbein
  • Franz Stöger, ehemaliger Qualitätsprüfer NÖGUS
  • Robert Griessner, Geschäftsführer NÖ-Landesklinikenholding
  • Norbert Pateisky, Gynäkologe und Leiter der Abteilung klinisches Risikomanagement, Medizinische Universität Wien (AKH Wien)
  • Manuela Walser, Unternehmensberaterin
  • Harald Mayer, Vizepräsident Österreichische Ärztekammer
  • Michaela Moritz, Geschäftsführerin Gesundheit Österreich GmbH

Anlass der Diskussion war Kurt Langbeins Buch "Verschlusssache Medizin", das gehörig Staub aufgewirbelt hatte. Darin zu finden sind auch die Ergebnisse eines Berichts, den Franz Stöger für Niederösterreich verfasst hatte und der nun im Zuge dessen seinen Konsulentenvertrag mit der niederösterreichischen Landeskliniken-Holding verlor. Über die Gründe könne er nur spekulieren, so Stöger, da er mittlerweile drei verschiedene Versionen gehört habe, weshalb es zu dieser Beendigung kam. Er selbst habe jedenfalls den Bericht nicht an Langbein weitergegeben, weil der Bericht lediglich den Untersuchungszeitraum von einem Jahr umfasst war und Vergleichszahlen fehlen würden.

Robert Griessner, ärztlicher Leiter der NÖGUS, wies im Club 2 jedenfalls zurück, dass etwas vertuscht werden sollte. Über die Kündigung des Vertrags meinte er: "Das tut mir auch sehr leid." Sie wäre deswegen notwendig geworden, weil Stöger aufgrund der Vielzahl an der in Langbeins Buch getätigten Vorwürfen unter Kollegen keine Akzeptanz mehr fand - eine Beratungsfunktion könne daher nicht mehr funktionieren. "Man kann die Leute nicht demotivieren" und sagen: "Ihr macht alles falsch", ist Robert Griessner überzeugt. "Tragische Einzelfälle können immer passieren. In jedem Krankenhaus." Zudem läge man im internationalen Vergleich sehr gut. Auf 1,5 Millionen behandelter Spitalspatienten kämen laut Patientenanwalt nur 0,001 Prozent Problemfälle.

Diese Zahl entbehre jeglicher Grundlage, weil sich nur ein Bruchteil der geschädigten Patienten bzw. Hinterbliebenen sich an den Patientenanwalt wenden würden. Zwar seien die Ärzte sehr wohl motiviert, allerdings oftmals schlicht übermüdet. So gaben 63 Prozent an, regelmäßig über 72 Wochenstunden zu arbeiten. Er finde es einen Skandal, dass übermüdete Ärzte operieren, obwohl dies viel höhere Komplikationswahrscheinlichkeiten mit sich bringe. Stöger wies wiederum darauf hin, dass Komplikationen nicht mit Fehler gleichzusetzen seien.

Harald Mayer von der Ärztekammer verwies darauf, dass nur in Einzelfällen 72 Stunden die Woche gearbeitet werden dürfe. Auf mehrere Wochen gerechnet betröge diese Zahl im Schnitt bloß 60 Wochenstunden. Zudem spricht sich Mayer dagegen aus, dass Einzelfälle skandalisiert werden würden. Eine Meinung, der auch Manuela Walser ist: Die Skandalisierung bedeute einen Rückschritt im Kampf für eine gute Fehlerkultur. Dabei tritt laut eigener Aussage gerade auch Langbein selbst für eine gute Fehlerkultur ein. Doch dass eine wichtige Studie wie jene von Franz Stöger in einer Schublade landet zeige, dass es daran noch weitgehend mangele. Er gestand aber ein, dass es bereits jetzt viele Bemühungen gebe.

Michale Moritz findet es bereits als verdienstvoll, dass Stögers Studie überhaupt in Auftrag gegeben wurde. "Es wird etwas getan", es sei aber absolut nicht zulässig, von einer kleinen Region auf ganz Österreich zu schließen. Sie sieht durch Kurt Langbein gerade das gestärkt, was es zu bekämpfen vorgibt: Ein "Blame-and-Shame"-System. Mit einem "Kontrollhabitus" könne die Fehlerkultur ganz gewiss nicht verbessert werden. Auch Manuela Walser betonte die Wichtigkeit zur Verbesserung des Spitalwesens, eine Kultur zu schaffen, in der es das Vertrauen gibt zu sagen: "Mir wäre jetzt fast was passiert." Dem stimmte auch Harald Mayer zu: Verbessern ginge nur, wenn über die "Beinahe-Fehler" geredet werden könne.

Norbert Parteisky untermauerte dies, indem er sich auf den neuesten stand der Forschungsliteratur gebracht hatte. Von dieser Fehlerdiskussion müsse demnach abgerückt werden, es gebe aber Instrumente, die die Qualität nachhaltig verbessern können. So bringe es etwa nichts, wenn zwar die Wochenarbeitsstunden reduziert werden, sich jedoch die Qualität der Übergaben nicht verbessert. Damit wichtige Informationen nicht verloren gehen, bedürfe es professioneller Kommunikationsstrukturen. Allerdings könne man "nicht einen Schalter umlegen", um die Fehlerkultur zu verbessern. Dies sei ein langer Prozess.

Freilich behandelte der Club nicht nur das Thema Diskussionskultur, sondern ging auch auf zahlreiche Details ein, die hier wiederzugeben wohl den Rahmen sprengen würde. So meinte etwa Kurt Langbein, dass Arbeitsmarktpolitik über Operationsfrequenzen gemacht werde, Moritz sprach wiederum von "massiver Vereinfachung" und Robert Griessner sinnierte über mögliche sinnvolle Blinddarmoperationen bei Männern im mittleren Alter.

Fazit: Eine äußerst kompetente, debattierfreudige Runde, die nicht nur eine vorbildliche Diskussionskultur vorlebte, sondern vor allem eines zeigte: Die unglaubliche Komplexität des Gesundheitswesens. Einfache Antworten und überspitzte Polemiken laufen da wohl systembedingt immer an der Wahrheit vorbei - egal, ob sie von den Kritikern oder von den Kritisierten kommen.