Zum Thema "Dürfen Medien alles - wo sind die Grenzen des Journalismus?" diskutierten am 14. Oktober 2009 bei Rudolf Nagiller im Club 2:

  • Atha Athanasiadis, News
  • Claus Pándi, Kronen Zeitung
  • Armin Thurnher, Chefredakteur Falter
  • Hannes Kartnig, Unternehmer und ehemaliger Präsident SK Sturm Graz
  • Fritz Hausjell, Kommunikationswissenschaftler
  • Irene Neverla, Mediensoziologin, Psychologin und Journalistik-Wissenschaftlerin
  • Gottfried Korn, Medienanwalt

Anlass des Themas war eine jüngst in der Bild-Zeitung veröffentlichte Geschichte über einen angeblichen Liebhaber Jörg Haiders namens "Rene". Dementsprechend lautete auch Rudolf Nagillers Einstiegsfrage: War es in Ordnung, einen solchen Artikel abzudrucken?

"In dem speziellen Fall denke ich, dass es okay war", meint der Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell. Es sei ein gewisser öffentlicher Druck entstanden, Haiders letzte Stunden klären, unter anderem auch deswegen, weil sich das BZÖ einer ehrlichen Aufklärung verschließe. Zudem ließ Jörg Haider zu seinen Lebzeiten auch Homestories von sich machen, daher sei es nur gerecht, sein verklärtes Bild ins rechte Licht zu rücken. Dieser Meinung ist auch die Mediensoziologin Irene Neverla: Boulevard habe auch die Aufgabe, Tabus zu brechen, und Homosexualität sei in Österreich noch ein Tabu.

"Ich teile Ihre Meinung überhaupt nicht", findet hingegen der Medienanwalt Gottfried Korn, es handle sich hierbei um eine "Überschreitung des Rubikons". Gott sei dank sei der Bild vom Landesgericht Graz verboten worden, die Behauptung, Haider wäre homo- bzw. bisexuell gewesen, zu veröffentlichen. Es bestehe kein Interesse, so der Richter.

Hannes Kartnig, der lange Zeit selbst von den Medien hofiert, später aber auch wieder fallen gelassen worden war, findet Berichte wie jener der Bild-Zeitung "beschämend". "Man soll Tote ruhen lassen", meint ehemalige Präsident des SK Sturm, der junge Mann wolle sich bloß in Szene setzen. "Das Privatleben geht niemanden was an", brummte Kartnig auf der Club-2-Couch. Es sei so viel an Falschem und an Menschenhatz zu lesen, so Kartnig, aber: "Wenn man richtig recherchiert, dann ist's okay!"

Auch für Falter-Chefredakteur Armin Thurnher war die Geschichte ein Fehler: Er sei "Ausnahmsweise der Meinung des Gottfried Korn", so Thurnher, da der Politiker niemals gegen Homosexuelle gewettert hätte. Claus Pándi von der Kronen Zeitung sieht darin sogar einen doppelten Tabubruch: Zum einen das Thema "Homosexualität", zum anderen deswegen, weil es in diesem Fall anhand eines Toten abgehandelt werde. Doch der wichtigste Punkt, so Pándi: Ist die Geschichte überhaupt richtig? Doch auch wenn sie richtig wäre, würde er sie nicht abdrucken. "Ich sehe darin überhaupt keine politische Relevanz."

News hingegen hat nun eine Reportage mit Rene gemacht, um herauszufinden: "Wie ist der so?" Er hätte schwierige Zeiten gehabt, berichtete Atha Athanasiadis, denn es sei nicht leicht, in Kärnten schwul zu sein. Das Thema Haider wurde jedoch aus der Reportage ausgeklammert. "Ihr benützt's den Fall, um Auflage und Quote zu machen", ärgerte sich Armin Thurnher. Haider habe sich immer gut verkauft, und dies sei von vielen Medien genutzt worden - nicht nur von News, sondern auch von Profil. Haider am Cover verkaufte sich "besser als Sex"! Ihm gehe es "gegen den Strich", wenn publizistische Freiheit als Vorwand genommen werde, um damit ein Geschäft zu machen.

Hausjell rief in Erinnerung, dass in anderen Ländern über Haiders angebliche Homosexualität berichtet wurde, in Österreich jedoch kaum. Offenbar sei das Thema hier ein besonderes Tabu. "Ein Wiener Bürgermeister, der sich als schwul outet, wird nicht gewählt", pflichtete ihm Thurnher bei. Österreich sei eben rückstündiger und spießiger. "Warum ist es in Österreich so anders, wenn einer sagt ich bin schwul und ich will Bürgermeister werden?", fragte Atha Athanasiadis.

Laut Mediengesetz dürfe nur bei einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben ein privater Umstand berichtet werden, erklärte Medienanwalt Gottfried Korn. Doch dies sei nicht nur eine rechtliche Frage, findet Irene Neverla, Medien hätten auch die Aufgabe, gesellschaftsverändernd zu wirken. Außerdem werde mit zweierlei Maß gemessen: Bei Haider werde viel Sorge über den Schutz der Privatsphäre geheuchelt; der Persönlichkeitsschutz des kleinen Mannes werde jedoch ignoriert, wie zahlreiche Beispiele zeigen. Dies findet auch Fritz Hausjell: "Das Recht ist oft auf der Seite der Mächtigen".

Fazit: Ein spannender Club 2, bei dem sich teilweise spannende Kurzzeit-Koalitionen auftaten: Die Wissenschaftler Neverla und Hausjell mit News-Journalist Athanasiadis, Thurnher mit Medienanwalt Korn und Pándi. Restlos aufgeklärt wurde an diesem Abend aber immerhin die Frage, ob Armin Thurnhers vermeintlicher Twitter-Account echt ist:

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Tamtam