Zum Thema "Nationaldroge Alkohol - die Österreicher im Adventrausch?" diskutierten am 9. Dezember 2009 unter der Leitung von Eva Rossmann:

Alkohol hat verschiedene Gesichter: Auf der einen Seite gefährliche Exzesse und Suchtkranke, auf der anderen Seite lebensfrohe Genusstrinker. Doch wo ist die Grenze?

Martina Ruzek schilderte ihren Krankheitsverlauf so: Sie fing mit schwachen Getränken an und entwickelte sich dann Richtung Wodka, bis sie diesen brauchte, um "runterzukommen". Es sei der bewusstseinsverändernde Effekt gewesen, der sich süchtig werden ließ, so Ruzek. Ein etwas anderes Verhältnis zu Alkohol pflegt Heurigenmusiker Roland Neuwirth: Meist trinke er Wein viel langsamer als andere Menschen und könnte auch ohne weiteres ohne Alkohol leben, aber "i wü's net amal probieren".

Eveline Eselböck, Helmut A. Gansterer & Roland Neuwirth
Roland Neuwirth: Die Welt gibt vor "Du musst trinken!"

"Viel vertragen ist kein gutes Zeichen", erklärte Michael Musalek vom Anton Proksch Institut in Wien-Kalksburg. Es sei ein Zeichen von "Toleranzentwicklung", doch in Österreich leider auch ein gewisses Statussymbol. "Ich hab gar nichts gegen Wein", stellte er klar und monierte, dass Diskussionen über Alkohol sehr oft zwischen "bagatellisieren" und "dramatisieren" schwanken würden.

Der Kulturhistoriker Chistian Ehalt stellte der österreichischen Gesellschaft einen widersprüchlichen Befund aus: Es komme ihm vor, dass es eine ziemliche Inkriminierung von Alkohol gibt. Dabei beklagte er, dass es im Arbeitsalltag keinen Raum "für eine Genusskultur" mehr geben würde. Stattdessen müssten die Menschen "funktionieren". Ehalt warnte vor den Folgen, wenn man Alkohl trinken als Kulturbestandteil aufgeben könnte und zitierte einen Freund: "Besser ein stadtbekannter Trinker als ein anonymer Alkoholiker." Das findet auch Eveline Eselböck: Früher wurde zwar ebenfalls viel getrunken, aber in froher Gesellschaft. In Zeiten der Vereinsamung wüssten aber nicht einmal mehr die Menschen am Land, was der andere tue.

Christian Ehalt
Christian Ehalt: "Wir leben ja nicht in einer Welt, die rundum nur ganz sympathisch und freundlich ist"

Es gebe seit den 70er Jahren ungefähr die gleiche Anzahl an Alkoholkranken in Österreich, klärte Michael Musalek auf. Dabei sei ein leichter Rückgang bei Männern bemerkbar, aber ein starker Anstieg bei den Frauen. Seine Großmutter hätte sich noch "in den Boden geniert", wenn sie am Nachmittag in einem Espresso Wein getrunken hätte. Heute hingegen sei ein Prosecco nach der Arbeit ganz normal.

Helmut A. Gansterer warnte vor allem vor Lustfeindlichkeit: Es gebe Hysteriker, die anderen ihren Lebensentwurf wie ein Leichentuch umwerfen wollen. Gleichzeitig betonte Gansterer jedoch, dass er selbst zwei Freunde durch Alkoholismus verloren habe. Michael Musalek stimmte Gansterers Kritik an "Missionarentum" zu und übte sogar Selbstkritik: Lange Zeit habe die Therapie ebenso getan, als ob sie wüsste, wie man ein richtiges Leben zu führen habe. Mit einem Therapiekonzept namens "Orpheus-Programm" wolle man es nun aber besser machen und den Schwerpunkt auf die Stärkung der individuellen Ressourcen der Patienten legen. Mit dessen Hilfe soll es den Patienten gelingen, ihr Leben sinnerfüllt und freudvoll zu gestalten - ohne Abhängigkeit vom Suchtmittel. Ein Mangel an Sinn sei es auch, den Roland Neuwirth bei Jugendlichen ortet, die sich in Koma-Exzessen dem Alkohol hingeben.

Michael Musalek
Michael Musalek: "Wir haben ein viel früheres Einstiegsalter"

Twitter-User @grasbueschel meinte daraufhin: "Jugendliche sind heute nicht so anders als früher. Ihre Chancen schon"